Sich für das Leben und den Glauben jeden Tag neu entscheiden
Es ist Herbst geworden. Die Tage werden kürzer – die Natur stellt sich auf die kargen Monate des nahenden Winters ein: Die Bäume und Sträucher ziehen ihre Energie in die Wurzeln zurück, um uns im nächsten Frühjahr wieder mit voller Blühkraft zu erfreuen.
Schon bald enden das Kirchenjahr und das Kalenderjahr. Die Auswahl der biblischen Texte an den Sonntagen orientiert sich zunehmend daran, noch achtsamer als sonst für das Hier und Jetzt zu sein und dabei das Ende der uns geschenkten Lebensjahre intensiver in den Blick zu nehmen. Jetzt beginnt die Jahreszeit, um zu innerer Ruhe zu kommen, in sich zu gehen, aufmerksam auf das Kommende zu achten, sich für das Leben jeden Tag neu zu entscheiden und sich neu auszurichten auf das, was sich im Innersten der Seele bewegt und wahrgenommen werden will.
Was war, können wir weder rückgängig machen noch im besten Sinne festhalten.
Wonach also sich neu ausrichten?
Nach den Worten des Apostels Paulus im Brief an seinen Ziehsohn und Schüler Timotheus sollen wir in der Nachfolge Jesu den Menschen um uns herum ein Vorbild in der Wahl der Worte, im Lebenswandel, in der Liebe, im Glauben und in der Ehrlichkeit sein
(1 Tim 4,12-16). Zu solchem Tun befähigt uns die Gnade Gottes durch die Taufe, wenn wir sie uns bewusst machen. Aber wie geht das konkret? Für Paulus zeigt sich die Wirkung der Gnade Gottes in der Liebe zum Mitmenschen, im Glauben und in der Reinheit des Herzens. Und jetzt kommt das Entscheidende: Damit Gott in mir wirken kann, sein Geist in mir lebendig ist, braucht es immer und immer wieder die Suche nach der Gegenwart des Geistes in mir, braucht es das ehrliche Hinhalten meiner Person, mit ihren Schwächen und Fehlern in die Gegenwart Gottes hinein. Ich muss ihn an mir wirken lassen und bereit sein, mein Verhalten zu ändern, auch wenn es unbequem wird. Das ist anstrengend und gelingt nicht ohne den täglichen Kampf gegen den inneren Schweinehund und gegen meine Bequemlichkeit. Mir fällt dazu die Begegnung Jesu mit einer ausgegrenzten Frau im Haus eines Pharisäers ein (Lukas 7,36-50). Als Jesus die vorwurfsvollen Gedanken des Pharisäers der Frau gegenüber erkennt und ihn in Liebe eines Besseren belehrt, wenn er der Frau ihre Sünden vergibt, weil sie sich ihm liebevoll zuwendet und die Verfehlungen ihres Lebens weinend und reuevoll vor ihn trägt. Christlicher Glaube lebt aus der Beziehung zu Gott und zu den Mitmenschen durch eine liebevolle Haltung, auch ohne dabei viele Worte verlieren zu müssen und nicht zuerst aus Festhalten an gesetzten Vorschriften oder gesellschaftlichen Konventionen. So wie sich Jesus der Frau zuwendet, die ihm viel Liebe entgegenbringt, so wendet er sich auch mir zu, wenn ich mich ihm ehrlich zuwende. Seine Liebe zu mir darf ich dann weiter tragen in diese Welt voller Lieblosigkeiten, Hass und Gewalt, um sie Tag für Tag ein klein wenig besser zu machen. Um nichts Weniger geht es.
Menschwerdung in der Nachfolge Jesu heißt für mich deshalb immer mehr ein Liebender zu werden im Da-Sein für andere. Diese Erfahrung durfte ich im Sommer bei einer Pilgerreise nach Assisi auf den Spuren des Heiligen Franz und der Heiligen Clara machen, die diese Lebenseinstellung zugegebenermaßen radikal gelebt haben. Mich hat der nicht selbstverständlich wertschätzende, sehr achtsame Umgang zwischen uns Pilgern, die sich vorher noch nicht kannten, beeindruckt.
Ich wünsche Euch allen eine gesegnete Zeit, in der Ihr Euch von Jesus angenommen, geliebt und getragen fühlt.
Euer Diakon Johannes Kurschatke

