Liebe Leserinnen, lieber Leser,

Johannes Kurschatke, Diakon

das Feiern der Hochfeste in den vergangenen zwei Monaten beginnend mit dem Fest der Auferstehung Jesu, gefolgt von der Heimkehr Jesu zu seinem Vater, der Ausschüttung des Heiligen Geistes über die Jünger und die Verehrung des im Brot verborgenen Leibes Christi an Fronleichnam, hat unserem Glauben neuen Schwung gegeben. Denn der Alltag, mit seinen vielfältigen Herausforderungen, verlangt unsere ganze Kraft. Wir wollen die an uns gestellten Aufgaben schließlich gut meistern. Gleichzeitig erkennen wir, wie anspruchsvoll es ist, unseren Glauben in Wort und Tat zu leben, in dieser Zeit der vielen Wunden, die Menschen auf der ganzen Welt einander zufügen - wie in den aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten, in der Ukraine und in Bürgerkriegen. Und wir kämpfen mit Inflation, Sorge um den Arbeitsplatz bei unsicherer Wirtschaftslage, Angst vor Altersarmut und fortschreitendem Klimawandel. Da erhält die gläubige Festtagsstimmung rasch einen Dämpfer.

Wo ist Gott und warum greift er nicht machtvoll ein, um seine Schöpfung wieder in die von ihm gewollte Spur zu bringen?  Will er nicht, kann er nicht oder gibt es ihn nicht? Oder bleibt sein Eingreifen zu behutsam und dadurch für uns scheinbar wirkungslos? Oder sind wir Menschen dieser Zeit anders geprägt, nicht mehr auf Empfang des oft verborgenen Wirkens Gottes in der Welt eingestellt? In einem Leserbrief einer katholischen Zeitschrift stellte ein 80jähriger, zeitlebens Gott suchender Mann genau diese Frage, an der er letztlich verzweifelte und resignierte, angesichts von zunehmendem Terror, kriegerischen Auseinandersetzungen, Hauen und Stechen um Macht und Einfluss, Mangel an Nahrung und Wasser in vielen Regionen der Erde mit millionenfachem Leid und Tod unzähliger Unschuldiger.

Was können wir persönlich angesichts dieser vielen Verwundungen in der Welt ausrichten? Sind wir als Christen vor Ort und in Gemeinschaft aller Christen auf der Welt nicht machtlos, immer dem Zweifel ausgesetzt, mal mehr, mal weniger?

Was haben Sie und ich in der Hand ?

Nach Psalm 149 kann das Beten mit dem Buch der Psalmen im Alten Testament ein Weg sein, mit dem wir für eine bessere Welt kämpfen können, natürlich gewaltfrei. Die Worte der Psalmen sind die Waffe der Gläubigen, im Judentum wie im Christentum. Gewiss, nicht jeder Psalm hat jedem Betenden in der heutigen Sprachwelt gleich viel zu sagen. Aber: Die 150 Psalmen des gesamten Psalters spiegeln die ganze Welt und vor allem den Gegensatz der brutalen Realität zu einer gerechten gottgewollten Weltordnung durch die gesamte Menschheitsgeschichte bis zum heutigen Tag wider. Wie helfen uns die Psalmen? Wir beten sie nicht allein. Wir beten gemeinsam mit denen, deren schlimme Lage in der Klage ausgedrückt wird. Die Psalmen mögen nicht immer ‚mein‘ Gebet sein. Sie sind vor allem auch Fürbittgebet und in einem noch weitergehenden Sinn stellvertretendes Gebet. Ordinierte Frauen und Männer auf der ganzen Welt beten jeden Tag in der Tagzeitenliturgie gemeinsam an vielen Orten das kirchliche Stundengebet mit den Psalmen für die ganze Menschheit und sehr viele weitere Beter schließen sich dem an. Wäre es nicht schön, wenn auch Sie sich in die Reihe dieser Beter stellen und gelegentlich oder öfter den einen oder anderen Psalm aus unserem Gesangbuch ‚Gotteslob ’oder aus der Bibel beten oder singen würden? Mir persönlich sind die Psalmen seit Beginn meiner Ausbildung zum Diakon zu einem echten Gebetsschatz geworden, den ich nicht mehr missen möchte. Und das besonders Wertvolle ist, dass es für jede Lebenslage einen oder mehrere Psalmen gibt.

Mit dem Beten der Psalmen geben wir denen eine Stimme, die vor Schmerz und Ohnmacht verstummt sind, die sogar damit aufgehört haben, Gott anzuklagen: „Will er nicht, kann er nicht oder gibt es ihn nicht?“

Der auferstandene Christus, den wir jedes Jahr an Ostern feiern, wird in vielen Kirchen in der Osterzeit als Figur mit Siegesfahne dargestellt, weil er den Tod endgültig durch seine Auferstehung von den Toten besiegt hat. Aber er bleibt gleichzeitig auch der verwundete Christus, der unser aller Sünden getragen und ertragen hat. Ihm, auf den bereits die Psalmisten immer wieder hinweisen, dürfen wir uns in allen Sorgen und Nöten, die uns umtreiben und bedrücken, mit dem Gebet der Psalmen gläubig anvertrauen, weil er Mensch aus Fleisch und Blut war, wie wir mit all unseren Gefühlen, die sich in uns ausbreiten. Auch das kann uns dabei helfen, dem oft scheinbar fernen Gott durch den Menschen Jesus Christus als Bruder und Schwester nahe zu kommen, um nicht wie der eingangs erwähnte 80jährige im Leserbrief sagen zu müssen: „‘Ich kann nicht mehr sagen: ‚Du Gott‘.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Sommerzeit, in der Sie sich von Gott angesprochen, behütet und getragen fühlen.

Ihr Johannes Kurschatke, Diakon