5. Sonntag der Osterzeit B – Joh 15,1-8 - 2.5.2021 Öhringen

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Hier der Einführungstext:

Im Leben gibt es Situatio­nen, wo wir ausgeputzt, beschnitten, von Dürrem be­freit wur­den. Schmerzliche Situationen oder befreiende Si­tua­tio­nen. Beide aber mit der Erfahrung, dass ich da­durch gereift bin, mein Leben gut weiterwachsen und ich neue Früchte sehen durfte. Wie die Bildrede vom Winzer, dem Weinstock und seinen Reben einen Blick dafür öffnet, zeigt Pfarrer Klaus Kempter in seiner Predigt.

Reben abschneiden, damit Früchte wachsen

● Jetzt bin ich schon so lange in Öhringen. Aber ich habe es noch immer nicht geschafft, einmal bei einer Weinlese dabei zu sein, einmal einen Winzer bei seiner Arbeit im Weinberg zu begleiten. Immer wenn dieses Evangelium wieder vorgetragen wird, denke ich, das müsstest du einmal machen. Um dieses Bild vom Weinstock und dem Winzer besser zu verstehen. Um zu verstehen, warum er Reben abschneidet, damit andere mehr Frucht bringen. Das Schneiden oder Erziehen der Weinreben ist ja eine regelrechte Wissenschaft, wie ich beim Schmökern im Internet entdeckt habe. Etwas, das ein Winzer beherrschen muss, will er einen guten Ertrag an Trauben erhalten.

● Dieses Bild vom Schneiden der Reben verwendet Jesus in seiner Rede vom Weinstock, in der er von der Beziehung seiner Jünger zu ihm spricht. Ihnen ist vermutlich gleich klar, dass er hier ein mahnendes Wort an sie richtet. Wer ein dürrer Zweig ist, wer keine Frucht bringt, wird abgeschnitten und weggeworfen. Da klingt bedrohlich. So hat dieses Bild auch zu vielen Interpretationen geführt über die Früch-te, die Glaubende konkret zu erbringen haben. Über die Konsequenzen für jene, die keine Früchte bringen und deshalb abgeschnitten und weggeworfen werden: von der Kritik über mangelndes Glaubensleben über den Ausschluss aus der Gemeinde bis hin zu den erwartenden Folgen im jüngsten Gericht reichen die Deutungen. Aber „die Bildrede will“, wie ein Bibelforscher geschrieben hat, wohl vor allem „zur größtmög-lichen Entfaltung des Glaubenslebens anregen, … das seinen Ausgangspunkt in Christus“ nimmt.1 Sie ist also mehr Ermutigung und Ansporn als Mahnung und Warnung.

● Sie eröffnet – mit diesem Detail des Schneidens der Reben – aber auch einen Blick auf unser Leben. Auf Situationen, wo wir ausgeputzt, beschnitten, von Dürrem befreit wurden. Schmerzliche Situationen, weil eine Beziehung abgeschnitten, eine Chance verpasst, eine Arbeitsstelle durch eine Kündigung beendet wurde. Oder befreiende Situationen, weil mir eine Last genommen, eine Schuld vergeben, eine sinnlose Aktivität aufgegeben wurde. In beiden Situationen mit der darauffolgenden
1 J. Gnilka, Johannesevangelium, NEB 4, 118.
Erfahrung, dass ich dadurch gereift bin, mein Leben gut weiterwachsen und ich neue Früchte sehen durfte.

● Für Jesus ist Gott der Winzer, der die Rebe reinigt, „damit sie mehr Frucht bringt“. Das ist für mich ein tröstliches Bild. Denn es zeigt mir einen Gott, der will, dass ich lebe und gedeihe und Frucht bringe. Und der sich dafür abmüht. Es zeigt mir, dass gerade dort, wo Lebenszweige abgeschnitten werden, zu neuem, kraftvollen und fruchtbarem Leben kommen kann. Es zeigt mir, dass es darauf ankommt, mit dem Weinstock, mit Jesus Christus, verbunden zu bleiben, weil er Lebenskraft schenkt.

● Ich muss aber nicht warten, bis das Leben, das Schicksal, andere Menschen mich reinigen und ausputzen. Ich kann selbst aktiv werden. Gott wirkt auch durch mich. Ich kann abschneiden, was mir schon lange den Saft zum Leben nimmt, mich von dem trennen, was ich nur noch als dürr und unfruchtbar erlebe, einen klaren Schnitt ma-chen. In der Zuversicht und Hoffnung, dass sich dann neue Wachstumsmöglichkeiten auftun. Jesu Wort, die Botschaft der Bibel kann dazu helfen, sagt Jesus. Das Wort kann reinigen. So kann ich biblische Geschichten und Jesu Worte bewusst so hören, dass sie ihre klärende und reinigende Kraft in meinem Leben entfalten. Und ich kann durch den Weinberg meines Lebens gehen, mit dem Winzermesser in der Hand und der Entschiedenheit im Herzen, den ein oder anderen verdorrten Zweig abzuschneiden. Etwas Mut braucht es dazu, etwas Mühe macht das sicher. Aber die Verheißung, dass gerade so mein Leben immer wieder wächst, aufblüht und neue Früchte bringt, kann beides schenken.

Pfarrer Klaus Kempter