Liebe Leserinnen und Leser des ÜBERBLICK´s

Liebe Gemeindemitglieder

Roman Ecker

was würden Sie spontan auf die Frage antworten „Was ist für Sie Anstand?" Die bayrische Kabarettistin Monika Gruber sagt „Manche glauben Anstand ist wenn man nur 15 Minuten auf dem Behindertenparkplatz parkt."

 

Die Antwort karikiert und macht damit das Thema auf lustige und gleichzeitig schmerzliche Weise bewusst. Vielleicht kennen Sie auch die Erfahrung, dass man jemanden auf ein Verhalten hinweist, das man selbst nicht in Ordnung findet, und man schon mal die Antwort bekommt „Wieso, das machen doch alle.“ oder „Was hast du denn, das ist doch legal.“

Es gibt Regeln für das Zusammenleben, die nicht in Gesetze gegossen sind. Das tut man einfach – oder man tut es eben nicht.

Regeln auch einhalten, wenn gerade niemand hinschaut. Oder akzeptieren, dass man innerhalb einer Gruppe oder einer Gesellschaft Verhalten vermeidet, das die anderen verletzt oder nicht als angemessen oder passend empfunden wird, das kann Anstand sein.

Der Kolumnist der Süddeutschen Zeitung, Axel Hacke, hat sich in einem jüngst erschienenen kleinen Büchlein damit kritisch auseinandergesetzt:

„Über den Anstand in schwierigen Zeiten, und die Frage wie wir miteinander leben wollen."

Er beleuchtet u. a. verschiedene Lebenssituationen und wie Menschen heute darin miteinander umgehen. Ist der Begriff Anstand nur ein spießiges und heutzutage als verstaubt und muffig empfundenes, altmodisches Disziplinierungsinstrument? Oder steckt mehr dahinter? „Das tut man nicht" sagte man früher zu kleinen Kindern. Mancher mag heute bei solchen Sätzen die Augen rollen.

Wir alle sind sehr damit einverstanden, dass in der pluralistisch geprägten Gesellschaft jeder weitgehend die Form seines Verhaltens selbst bestimmen kann.

Der Zwang zu ständiger Selbstdarstellung, dem wir heute ausgesetzt sind und die Selbstverständlichkeit mit der wir alles öffentlich machen, erschwert die Suche nach dem Begriff Anstand, der in der heutigen Zeit noch tragfähig ist.

Beispiele, wo Menschen bei einem Unfall das Handy zücken und filmen anstatt zu helfen, oder wo Menschen sich und andere – oft gegen ihren Willen aufnehmen und in die Öffentlichkeit zerren, schockieren mich am meisten. Mir wird hier deutlich, der Begriff des Anstandes muss im digitalen Zeitalter neu definiert werden.

Wir müssen gemeinsam über Grenzen neu nachdenken.

Gerade für uns Christen ist das ein Thema finde ich. Gerade auch in einer Zeit, wo sich viele von den Kirchen abwenden, weil sie sich in ihren Lebensvollzügen bevormundet fühlen.

Die Fastenzeit lädt uns Christen immer wieder ein, über unser Verhalten zu reflektieren. Die Lektüre des Buches von Axel Hacke hat mich inspiriert, solchen Gedanken einmal nachzugehen. Auch der Frage, wie und wann mische ich mich ein, wenn ich mit Verhalten konfrontiert bin, das meine Vorstellung von Anstand verletzt, beschäftigt mich dieser Tage.

Eine gesegnete Fastenzeit und ein erfülltes Osterfest wünscht Ihnen

Roman Ecker