Osternacht B – Mk 16,1-8 – 3.4.2021 Öhringen

Den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen

● Ich habe im vergangenen Jahr manche traurige Geschichte gehört, wie Menschen nicht zu ihren Liebsten kommen konnten. Von Familien, die nicht das Altenheim betreten und nur von außen der Oma zuwinken durften. Von Menschen, die nur dank eines mutigen Arztes noch bei ihrer sterbenden Mutter im Zimmer sein konnten. Von Enkeln, denen der Besuch bei Oma und Opa versagt blieb. Sie kennen solche Situ-ationen, haben Sie vielleicht selbst erlebt oder erlitten. Diese Epidemie hat sich wie ein schwerer Stein auch zwischen unsere Beziehungen geschoben. Sie hat uns Zugänge verschlossen zu lieben Menschen, zu Lebensbereichen, nach denen wir uns sehnen, zu einem Umgang miteinander, den wir als soziale Wesen brauchen. Klar wussten und wissen wir, dass es so sein muss, wenn wir einander vor der Ge-fahr einer Ansteckung schützen wollen. Aber zugleich spüren wir, dass es so nicht bleiben kann, dass der Weg zu einer unbefangenen Begegnung sich wieder auftun muss. „Wer könnte uns den Stein vom Eingang dieses Grabes wegwälzen?“
● Strenge Lockdown-Maßnahmen, umfangreiche Hygienekonzepte, milliardenschwere finanzielle Unterstützungen, eine nationale und globale Impfkampagne – was für ein Kraftakt, um diese Pandemie in den Griff zu bekommen und den Weg zum Leben wieder frei zu machen! Bei allem Frust und allem Ärger über unterschiedliche Regelungen in Ländern und Kirchen, über Pannen in der Durchführung der Impfung, über das Hin und Her im Bildungsbereich, sollten wir nicht vergessen, welche Kraft und Energie Menschen aufgebracht haben und aufbringen. Seien es die Forscher, die die Impfstoffe entwickeln, die Politikerinnen und Politiker, die immer wieder neu Maßnahmen beraten und beschließen, die Lehrer, Mütter und Väter, die Kinder im Homeschooling begleiten, die Frauen und Männer, die in Krankenhäusern und auf Intensivstationen ihren Dienst ausüben. Und viele mehr. Da gibt es vieles, was Mut und Hoffnung macht. Da wurden manche Steine aus dem Weg geräumt, damit das Leben weitergeht. Aber so richtig befreit aufatmen können wir noch nicht. Denn noch immer erfahren wir täglich, wie verwund-bar, wie zerbrechlich, wie gefährdet unser Leben ist.
● Und diese Angst und dieses Erschrecken darüber werden wir nicht loswerden. Auch nicht, wenn das hoch ansteckende Coronavirus einmal als besiegt gelten sollte. Denn auch dann bleiben so viele Gefahren und Krankheiten, die unser Leben bedrohen. Denn auch dann – und schon jetzt – bringen Konflikte wie in Myanmar, im Jemen, in Belarus und anderswo so viele Menschen um ein glückliches und freies Leben. Denn auch dann – und schon immer – machen sich Frauen und Männer auf zum Grab, um lieben Verstorbenen einen letzten Dienst zu erweisen, so wie es die drei Frauen im Markusevangelium taten, als sie „in aller Frühe zum Grab“ gingen, um „Jesus zu salben“.
● „Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?“ war ihre Sorge. Ganz praktisch, denn um Jesu Leichnam zu salben, mussten sie in die Grabhöhle hineinsteigen. Vielleicht hatte diese Frage aber auch schon einen tieferen Sinn. Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen, in das Jesu Tod, sein Scheitern, sein katastrophales Ende uns eingeschlossen hat? Wie soll es weitergehen? Wie finden wir wieder ins Leben? Gibt es jetzt noch Zuversicht? Dass „der Stein schon weggewälzt“ ist, als sie zum Grabe kommen, scheint noch keine große Hoffnung auszulösen. Der junge Mann im „weißen Gewand“, ein Engel wohl, lässt sie vor allem erst einmal erschrecken. Und seine Botschaft – „er ist auferstanden“, „er geht euch voraus nach Galiläa“ – reicht auch nicht für einen
Stimmungswechsel. Sie „verließen … das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatten sie gepackt.“ Das wird sich erst ändern, wenn sie dem Auferstandenen begegnen, wenn sie seine Stimme hören, wenn er in ihrem Herzen die Gewissheit siegen lässt, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod.
● Nicht anders bei uns. Es gibt so viele hoffnungsvolle Zeichen und Erfahrungen, wie diese Pandemie überwunden werden kann, wie Konflikte friedlich beigelegt werden, wie eine Änderung unseres Konsumverhaltens oder eine Wende im Klimawandel möglich scheinen, wie Kirche sich erneuert. Es gibt Kraftakte, wo als unverrückbar Geltendes oder in Stein Gemeißeltes in Bewegung kommt. Das macht Mut. Das gibt Kraft zum Handeln. Das schenkt Gelassenheit. Aber den Stein vom Eingang des Grabes können wir nicht wegwälzen. Dass wir vom Tod in ein neues Leben gelangen und so ewig bewahrt bleiben, das ist der österliche Kraftakt Gottes. An Jesus, dem Gekreuzigten, hat er ihn so vollzogen, dass wir zum Glauben kommen und eine unzerstörbare Hoffnung haben. Das feiern wir in dieser Nacht.
In der derzeitigen globalen Situation heißt es immer wieder: Wir werden nicht ohne das Virus leben, sondern wir müssen lernen, mit ihm zu leben. Wie wahr! Nicht nur in praktischer Hinsicht, dass wir mit menschlicher Kraftanstrengung alles dafür tun, um trotz Virus und anderer Bedrohungen wieder zu einem erfüllten und befreiten Leben zu gelangen. Sondern in einem viel tieferen Sinn. Wir müssen lernen, immer wieder neu, mit unserer Begrenztheit, unserer Verwundbarkeit, unserer Zerbrechlichkeit, unserer Sterblichkeit zu leben. Der Glaube an den auferstandenen Herrn Jesus Christus eröffnet uns einen Weg und gibt uns die Kraft dazu. Halleluja!
Pfarrer Klaus Kempter