Predigt 17. Sonntag im Jahreskreis

Öhringen/Neuenstein Predigt vom 25./26.07.2020

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Mt 13,44-52
(K)ein kluger Hausherr

● Rom sorgt gerade wieder für Furore.1 Mit einem neuen Dokument hat der Vatikan den Veränderungen der Pfarreistrukturen Grenzen gesetzt und sich gegen neue Leitungsmodelle ausgesprochen. Laien bleiben laut dem am Montag veröffentlichten Schreiben der Kleruskongregation von der Gemeindeleitung ausgeschlossen. Sie dürfen "auch nicht im Falle des Priestermangels" den Titel oder Funktionen eines Pfarrers annehmen. Zwar können als außerordentliche Maßnahme Nichtpriester "an der Ausübung der Hirtensorge einer Pfarrei beteiligt" werden; dabei ist laut dem Schreiben auf Bezeichnungen wie "Leitungsteam" zu verzichten. Die Aufhebung oder Zusammenlegung von Pfarreien, wie sie vielerorts geplant sind, werden sehr kritisch gesehen.
● Mit dem Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hat inzwischen ein deutscher Bischof deutlich Kritik geübt. Er sieht in dieser Pfarreien-Instruktion eine „Umkehr zur Klerikalisierung“. Dieses Papier sei „eine so starke Bremse der Motivation und Wert-schätzung der Dienste von Laien, dass ich große Sorge habe, wie wir unter solchen Bedingungen neue engagierte Christen finden sollen und wie wir unsere pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterhin gut begleiten und fördern können.“ Auch unser Bischof hat in einer Reaktion auf dieses Schreiben erklärt: „Mit dem „Rottenburger Modell" haben wir in der Diözese Rottenburg-Stuttgart ein bewährtes Prinzip der partizipativen und kooperativen Pastoral. An ihm werden wir weiter fest-halten.“ Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller wird noch deutlicher und sagt: "Das Papier beantwortet Fragen von heute mit Antworten von gestern."
● Das erinnert mich an unser heutiges Evangelium. Am Schluss der Gleichnisrede bei Matthäus folgt eine Art Zusatz. Die Frage an die Jünger, ob sie alles verstanden haben, und dann der Vergleich der Schriftgelehrten mit einem Hausherrn. „Deswe-gen gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreiches geworden ist, einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.“ Achtung, hier geht es nicht um die Kirche. Und ebenso wenig um Bischöfe, den Papst und seine Kleruskongregation. Hier geht es, so meinen Exegeten, um christliche Schriftge-lehrte, die sich wohl vor allem mit der Auslegung der damaligen heiligen Schrift, also unseres Alten Testaments, beschäftigen. Matthäus spricht von ihnen, weil es ihm wichtig ist zu zeigen, wie das Alte Testament, vor allem die Verheißungen der Propheten, mit der Geschichte und der Verkündigung Jesu zusammenhängen. „Im Alten das Neue zu entdecken und das Neue an Vertrautes anzuknüpfen“2, ist die Aufgabe dieser Schriftkundigen in der Gemeinde. Matthäus ist das wichtig, weil er erlebt, wie es zum Bruch zwischen der jungen Kirche und dem Judentum kommt.
● Mit dem Bild des klugen und sorgsamen Hausherrn führt Matthäus die Bedeutung dieser Aufgabe vor Augen. Der Hausvorsteher verwaltet die Vorratskammer. Das ist der Schatz, aus dem er hervorholen kann, was die Hausgemeinschaft braucht. Matthäus verändert dann dieses Bild. Es geht nicht um eine Vielfalt an Gaben und Kostbarkeiten. Es geht um die Verbindung, die Ausgewogenheit zwischen Neuem und Alten. Dazu muss der Hausherr, dieser Schriftgelehrte sich in der alten Tradition bestens auskennen, aber auch alles verstanden haben, was Jesus mit seinen

1 Quellen:
https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2020/2020-07-20_Instruktion-Die-pastorale-Umkehr-der-Pfarrgemeinde.pdf
https://www.katholisch.de/artikel/26252-vatikan-laien-duerfen-keine-pfarrei-leiten-auch-bei-priestermangel
https://www.katholisch.de/artikel/26274-bischof-bode-zu-pfarreien-instruktion-umkehr-zur-klerikalisierung
2 Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus (Mt 8-17), EKK I/2, 366.

Gleichnissen Neues vom Himmelreich gesagt hat. Er muss ein „Jünger des
Himmelreiches geworden“ sein. An diesem Punkt lässt sich für mich eine Brücke zu
unserer aktuellen Diskussion in der Kirche schlagen. Da geht es jetzt nicht um die
Beziehung von Altem Testament zur Botschaft Jesu. Da geht es in einer anderen
Weise um Neues und Altes. Nämlich um unseren Glauben an Jesus Christus, seit
Jahrhunderten überliefert, zur Tradition geworden, der in der Kirche einen konkreten
Ausdruck bekommen hat. Und um neue Situationen, Herausforderungen, in die wir in
unserer Zeit gestellt sind. Um die Aufgabe, aus der reichen Tradition zu schöpfen,
daraus Klarheit zu gewinnen, aber zugleich auf den heiligen Geist zu hören, der uns
neue Wege entdecken und gehen lässt. Konkret: um die Frage, wie die Kirche und
ihre Gemeinde vor Ort sowie das Leitungsamt in ihr zu gestalten sind. Die
Hausherren in diesem Fall sind natürlich die Theologinnen und Theologen, die
Bischöfe, die sich in der Tradition auskennen sollten und einen wachen Blick für die
Zeichen der Zeit heute brauchen.
● Hier nun liegt für mich das Problem in der aktuellen Diskussion. Es werden alte
Schätze herausgeholt, all das, was das derzeit gültige Kirchenrecht zur Gestalt der
Pfarrei, zum Dienst des Pfarrers und zur Rolle der so genannten Laien sagt. Aber es
ist – so Bischof Bode – zu befürchten, „dass noch so verbindlich dargestellte Normen
nicht greifen, wenn sie zu einem großen Teil von der Realität längst überholt sind.“
Nämlich vom Priestermangel auf der einen Seite und den Erfahrungen auf der
anderen Seite, wie Christen gemeinsam Verantwortung übernehmen, um das
Evangelium zu verkünden und ihre Gemeinden lebendig zu halten. Hausherren, die
dieses Neue nicht wertschätzen und nicht einmal in einen Dialog treten mit denen,
die solche neuen Wege ausprobieren, sind alles andere als klug. Allerdings auch die
Hausherren, die eine neue Gestalt von Kirche planen und das in unserer langen
Tradition Bewährte und Bedeutsame im Keller lassen. Beide gefährden letztlich die
Einheit der Hausgemeinschaft.
● Was das Dokument der Kleruskongregation zur Pfarrei sagt hinsichtlich der
Mobilität der Menschen, der missionarischen Dimension oder ihrer Ausrichtung auf
die Armen ist sehr bedenkenswert. Ich empfehle es nicht nur unseren Kirchengemeinderäten
zur Lektüre. Aber was es zur Rolle des Pfarrers und der Laien
sagt, zur Frage der Zusammenschlüsse von Pfarreien, erscheint rückwärtsgewandt
und vor allem fern der Realität. Vor allem in unseren Breiten, wo es auf der einen
Seiten einen immer stärkeren Priestermangel gibt, auf der anderen Seite unzählige
Frauen und Männer, die sich mit großem Engagement und hoher Kompetenz für ihre
Kirche einsetzen und in der Leitung der Gemeinden mit Verantwortung tragen. Ich
hoffe, dass unsere Bischöfe jetzt in eine entschiedene Auseinandersetzung mit
dieser römischen Behörde treten und unsere Erfahrungen und Erkenntnisse mutig
ins Spiel bringen. Dass sie aufzeigen, wie das Neue – die Mitverantwortung aller
Getauften und Geformten – sehr wohl mit Altem – der besonderen Rolle des
Priesters – zu verbinden ist und dass es vielleicht auch eine neue Gestalt für diesen
priesterlichen Dienst braucht. Aber noch mehr hoffe ich, dass das, wofür sie
eintreten, hier in unseren Gemeinden weiterhin geschieht: dass Frauen und Männer,
Kinder und Jugendliche sich einbringen, dass sie zusammen mit dem Pfarrer
Verantwortung für ihre Gemeinde übernehmen und sich nicht als dessen Zuarbeiter
verstehen. Dass sie sich dem Wandel von Kirche auch vor Ort stellen und neue
Wege beschreiten. An diesem Punkt sind dann nicht unsere Bischöfe und Theologen
gefragt, sondern Sie und ich hier in Öhringen und Neuenstein.

 

Pfarrer Klaus Kempter