Predigt 23. Sonntag im Jahreskreis

Öhringen/Neuenstein Predigt vom 05./06.09.2020

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Ez 33,7-9
Wächter

● Im Rahmen der Baden-Württembergischen Literaturtage in Öhringen kam der Journalist und Autor Dr. Heribert Prantl in die dortige Stiftskirche. Er sprach zum Thema „Die Kraft der Hoffnung – Denkanstöße in schwierigen Zeiten“. Mit scharfer Zunge und klaren Worten skizzierte er den in Europa wieder aufkommenden Nationalismus, den Rechtsextremismus und Antisemitismus in unserem Land, das Versagen der Politik gegenüber einem zügellosen Kapitalismus und das narzisstische und Menschen verachtende Auftreten von Trump und Konsorten. Er warnte, wie all das Demokratie, Menschenrechte und Europa bedrohe. Zugleich machte er Hoffnung und zeigte, wie Einzelne, die aufstehen, die Stimme erheben und sich solidarisieren, dem etwas entgegenhalten und unsere Werte und Überzeugungen verteidigen können. Als Zuhörer standst du ständig in einer Spannung: auf der einen Seite das drohende Szenario, für das wir selbst verantwortlich sind, der Verlust von gewohnten Sicherheiten, auf der anderen Seite Hoffnungsspuren, Umkehrbewegungen, die zum Teil schon im Gang sind.
● Für mich sind solche Menschen wie Heribert Prantl Wächter, wie sie uns in der heutigen Lesung begegnen. Solche Philosophen, Journalisten, Schriftsteller, Wissenschaftler, die Unheil kommen sehen, es klar und deutlich benennen und zugleich aber Hoffnung und Mut machen. Genau wie Ezechiel. „Du aber, Mensch, zum Wächter habe ich dich gemacht dem Hause Israel“, spricht Gott zum Propheten. Seine Aufgabe ist klar, wie aus den vorausgehenden Versen hervorgeht. Er sagt, was er kommen sieht: das Schwert, das über das Land kommt. Im Kontext des Ezechiel-Buches: den Untergang des Landes durch feindliche Mächte. Seine Verantwortung ist groß: Würde er nicht warnen, hätte das Volk keine Chance zu reagieren, umzukehren. Dafür würde er zur Rechenschaft gezogen werden. Entscheidend ist – und das ist eine Parallele zu unserer Zeit, dass er nicht nur irgendein Schicksal ankündigt, sondern das, was da an Unheil kommt, mit dem sündhaften Verhalten seines Volkes in Verbindung bringt. Weil es vom Weg des guten Lebens abgewichen ist und Gottes Gebote nicht mehr beachtet, droht dieses Unheil.
● Vermutlich kommen Ihnen jetzt beim Zuhören schon allerlei Gedanken oder Fra-gen. Wovor müsste denn ein solcher Wächter heute warnen? Was ist es, wo wir sagen würden: Da weichen wir Menschen vom guten Leben ab, da handeln wir falsch, da leben wir nicht mehr nach den Geboten Gottes? Und: Das hat Konsequenzen. Das schadet dem Einzelnen, unserem Zusammenleben, unserer Gesellschaft. Das zerstört unsere Lebensgrundlagen. Manche Themen könnten wir schnell benennen und wären uns dabei einig. Themen, die auch Heribert Prantl angesprochen hat. Unser derzeitiger Lebensstil und unsere Art des Wirtschaftens hat keine Zukunft, wenn es wirklich gerecht und wenn die Schöpfung auch für kommende Generationen Lebensraum sein soll. Ein Nationalismus, der ab- und aus-grenzt, dient nicht dem Frieden, sondern gefährdet ihn. Das Verbreiten von Un-wahrheiten, Hetze und Drohung in den sozialen Medien bedroht unsere Demokratie und unser Zusammenleben. Bei anderen Fragen, wenn es zum Beispiel um Partnerschaft, sexuelle Selbstbestimmung und Lebensschutz geht, liegen die Meinungen dagegen manchmal sehr auseinander, auch in unserer Kirche. Was hat dem Propheten Ezechiel Gewissheit und Mut gegeben, so dass er sein Wächter-Amt so entschieden ausüben konnte?
● Zum einen steht er in enger Beziehung zu Gott. „Hörst du aus meinem Mund ein Wort, so hast du sie vor mir zu warnen.“ Der Wächter ist kein Twitterer, der zu allem und jedem sofort seinen Kommentar abgibt. Kein Kulturpessimist, der sich in Pauschalkritik an dieser bösen Welt ergeht. Kein Besserwisser, der die Wahrheit gepachtet hat. Kein Panikmacher, der mit Übertreibungen Stimmung macht. Aber auch kein Lobbyist, der nur bestimmte Interessen verfolgt. Kein politisch Korrekter, der niemandem wehtun will. Der Wächter Ezechiel ist ein Hörender. Einer der genau hinhört und hinschaut. Der sich Zeit lässt und warten kann. Der die Stimmen zu unterscheiden versucht, bis er Gewissheit hat. Als Beter die Gewissheit, dass er ein Wort aus Gottes Mund gehört hat. Und das muss er weitersagen, aussprechen, um der Menschen, um des Lebens willen. Zum anderen – und das ist ein entscheidender Punkt bei Ezechiel an dieser Stelle – kann er Hoffnung machen. Wenn das Volk im Blick auf die Schwere der Schuld und die Ausweglosigkeit der Situation fragt: „Wie sollen wir [da noch] leben?“(Ez 33,10), sagt er im Namen Gottes: „Ich begehre nicht den Tod des Bösewichts, sondern dass ein Böser umkehre von seinem Weg und leben bleibe“(Ez 33,11). Weil es ganz konkrete Möglichkeiten gibt, sein Leben zu än-dern, wie er ein paar Verse später zeigen wird. Das ist die Botschaft des Ezechiels: Wo Menschen umkehren, ihr Handeln ändern, gibt es, selbst durch Katastrophen hindurch, neues Leben.
● Das war für mich im Grund auch die Botschaft von Heribert Prantl bei seinem Vortrag. Eine Hoffnungsbotschaft, die er mit biblischen Hoffnungsgeschichten in Verbindung gebracht hat. Solche Wächter braucht das Land. Zu allen Zeiten. Aber es braucht dann auch Menschen, die hören, die sich berühren lassen, die nachdenken, umdenken, umkehren.
Die Kirche hat seit jeher diese Wächter-Aufgabe inne. In einzelnen charismatischen Personen, die mutig aus ihrem Glauben heraus die Stimme erheben. In Weckrufen, die Verbände, Werke oder Synoden verfassen – wie zuletzt die Amazonassynode im Blick auf die sozialen Fragen und eine integrale Ökologie. Und sie schafft Räume, wo Menschen hören, nachdenken, sich austauschen, sich ihrer Verantwortung bewusst werden und nach neuen Wegen suchen können. Nicht nur im Gottesdienst. Sondern in Gruppen und Angeboten, wo die Nöte und Herausforderungen dieser Zeit und unseres Lebens in den Blick genommen werden. Wichtig dabei ist: Wir müssen nicht zu allem und jedem, nicht immer und sofort etwas sagen. Es reicht, da die Stimme zu erheben, wo wir wachsam und aufmerksam hingeschaut und hingehört haben und im geistlichen Austausch und im Gebet ein klares Wort gehört haben, das nicht nur mahnt und warnt oder womöglich etwas verteufelt, sondern das ganz konkrete Wege zum Leben zeigt.


Pfarrer Klaus Kempter